Das Konzept der Spitzensportförderung verbindet Training auf höchstem Niveau mit der militärischen Dienstpflicht junger Athlet*innen.  

Von: Ines Michel

 

Vorfreude und Nervosität überwiegen, als Gian und Bojan Ende Oktober das erste Mal in Magglingen einrücken. “Es hat sich angefühlt wie ein erster Schultag“ erinnert sich Gian zurück. „Uns wurden erst mal lauter Informationen an den Kopf geworfen, wie man sich in welche Liste eintragen muss, welche Uniform man wie zu tragen hat und wie der ganze Laden in Magglingen läuft.“  

Die Nervosität war dann aber schnell verflogen. Ein dicht gedrängtes Programm, viele neue Eindrücke, die neue Umgebung, viele neue Gesichter - es bliebt schlicht keine Zeit, nervös zu bleiben und sich Gedanken zu machen.  

Doch warum entscheiden sich Bojan und Gian dafür, die Spitzensport Rekrutenschule zu absolvieren?  

 

Schweiz zum Träumen bringen

Die Fördergefässe der Armee verbinden Training auf höch- stem Niveau mit der militärischen Dienstpflicht junger Athlet*innen. Neben der militärischen Grundausbildung können sie die Rekrutenschule vor allem für das Training nutzen.

Das Konzept scheint aufzugehen: klickt man sich durch die Webpage der Armee, hat man schnell den Eindruck das Who-is-who der Schweizer Sportfamilie trifft sich zum Stelldichein. Neben Jeannine Gmelin, Marco Odermatt und Dario Cologna lächeln einem viele weitere top Sportler entgegen – sie alle haben die Spitzensport RS absolviert. Die Hälfte der Schweizer Olympiamedaillen in Tokio und Peking sind von Sportsoldaten gewonnen worden. „Es bringt uns viel mehr, wenn wir uns auf den Sport konzentrieren können“, hält Bojan fest.  

 

Ein Platz ist ein Privileg

Die Spitzensport RS als Sprungbrett zum Erfolg? “Mein Bruder hat die Spitzensport Rekrutenschule absolviert und darum habe ich schon immer gewusst, dass das eine Option für mich ist“, erinnert sich Gian zurück. „Es war eher die Frage, ob ich es überhaupt schaffe da reinzukommen.“  

Die Bedenken sind nicht unbe- gründet, der Selektionsprozess ist langwierig und knallhart. Neben dem Potenzial für internationale Erfolge, wird vom Sportler das langfristige Commitment zum Spitzensport verlangt.  

Am Selektionsprozess sind neben dem Kommando der Spitzensport RS auch Swiss Olympic, das Bundesamt für Sport (BASPO) und die Sportverbände beteiligt. Nur wenn sichergestellt ist, dass ein Athlet auf seinem Weg langfristig unterstützt wird, erfolgt letztlich eine Selektion.  

Aktuell haben es neben Gian und Bojan noch fünf weitere  Ruderer in die Spitzensport  Rekrutenschule geschafft. Als Gruppe absolvieren sie die militärische Ausbildung sowie die Trainings zusammen, was zusätzliche Motivation bringt.  

 

Allgemeine Grundausbildung AGA

Viel Zeit zum Verdauen der Eindrücke bleibt nicht. Während der ersten fünf Wochen werden die Sportler mit dem Dienst-  betrieb vertraut gemacht – zum Teil in Biel, zum Teil in Magglingen. „Das richtige Betten machen - mit der Münze aufs Bett und so - haben sie uns tatsächlich nie gezeigt,“ lacht Bojan. In Magglingen teilen sich die beiden ein Zimmer.  

Tatsächlich wurde nur an den ersten beiden Tagen nicht trainiert, ab dem dritten Tag wurde das erste Training angesetzt. Bis zum Ende der AGA absolvierten die Sportler am Vormittag einen Trainings- und am Nachmittag ein Ausbildungsblock.  

 

Ob die beiden froh darüber waren, die militärische Ausbildung bereits nach fünf Wochen abgeschlossen zu    haben? „Wir hatten nur einen Marsch mit Übernachtung im Biwak und das war lustig. Das hätten wir gerne noch einmal machen können,“ resümiert Gian. Bojan pflichtet ihm  schmunzelnd bei: „das war eher Lagerstimmung anstatt Militär“.

Reuffurth Bojan Kommausbildung (1)

Während der Ausbildung: Bojan stellt sich den Fragen des Medienschaffenden. 

Funktionsgrundausbildung

Nach der Grundausbildung steht das sportartspezifische Training im Vordergrund, mindestens zwei Trainingseinheiten pro Tag sind angesetzt. „Wir haben in Magglingen viel auf den Ergo und im Kraft- raum trainiert,“ erinnert sich Gian. „Für die Rudertrainings sind wir nach Biel gegangen und durften dort beim Seeclub trainieren.“ In Mannschafts- booten wird aktuell nicht trainiert, alle sind mit dem Skiff unterwegs. Nach dem Training zurück in Magglingen stehen Workshops auf dem Programm.

Es gibt Inputs zu Ernährung, Regeneration, Mentaltraining, Sponsoring und dem sicheren Umgang mit Medienvertretern. Abgesehen von den Work- shops und dem Leben auf dem Tempelberg des Sports ein fast normaler Trainingsalltag, denn der Trainingsaufwand eines  Ruderers ist im Vergleich zu manch anderen Sportarten enorm.  

Normal bedeutet für die beiden Sportler während des Saisonaufbaus 12-14 Stunden, während der Saison 16-18 Stunden wöchentliches Training. Manchmal hiesst es: „die Ruderer sind nur am Trainieren und Hocken auf dem Ergo“,   lacht Gian.  

 

„Wir sind echt eine lustige Truppe“ 

Zeit für den Austausch mit anderen Sportlern bleibt neben dem dicht gedrängten Programm wenig. „Wie haben einmal ein Training zusammen mit den Judokas gemacht, da   haben wir Unihockey gespielt.  

Ansonsten gab es keine gemeinsamen Trainings,“ hält Gian fest. Zwischendurch beim Essen oder aber während den Ausbildungsblöcken gibt es dann aber doch noch Gelegenheit sich mit den anderen Rekruten auszutauschen.  Aktuell trainieren Gian und     Bojan allerdings fast nur noch in Sarnen, dem nationalen Leistungszentrum.  

 

In der Woche vom Besuchstag und in der letzten RS-Woche sind dann alle Sportler nochmals zusammen in Magglingen.  „Ich finde es schon schade, dass wir nicht mehr so oft in Magglingen sind, weil ich mich sehr gerne mit den anderen ausgetauscht habe,“ hält Gian fest. 

Gian 1

Ohne Fokus geht nichts im Spitzensport.