Die Flüelentour über 68 Ruderkilometer - von Luzern nach Flüelen und zurück - wurde als „ultimatives Rudererlebnis auf dem Vierwaldstättersee“ für den Breitensport im See-Club Zug ausgeschrieben. Nicht ohne Grund, wie wir jetzt wissen. Realisiert wurde sie vom 25. auf den 26. September 2026 mit einem gesteuerten Tourendoppelvierer. Alle Erwartungen wurden zu 100% erfüllt - auch wenn der „Maismond“ genannte Vollmond, der den Herbst einläutete, vielleicht erst bei 99.5% stand.
Von: Thomas Vonesch
Auf historischer Route
Flüelen war seit dem Mittelalter Umschlagplatz zwischen See- und Landweg auf der Gotthardroute. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts sollen jährlich etwa 16'000 Menschen und 9'000 Pferde per Ruder- und Segelnauen über den See transportiert worden sein. Sie brauchten für die Strecke Luzern–Flüelen angeblich rund neun Stunden. 1837 nahm das erste Dampfschiff "Stadt Luzern" den Betrieb auf und schaffte dieselbe Strecke in zweieinhalb Stunden. Das war das Ende für die mittelalterliche Ruder- und Segelschifffahrt auf dem See. Die Flüelenfahrt per Ruderboot ist also ein Abenteuer, nicht nur aus sportlicher Sicht, sondern mit historischer Bedeutung.
Die Crew
5 Plätze - 4 Rollsitze und ein Steuerplatz - waren zu besetzen. Das war angesichts der anspruchsvollen Ruderstrecke und Ruderzeit von ca. 9 Stunden, mit Start am späten Nachmittag und Rückkehr am frühen Morgen, kein leichtes Unterfangen. Trotzdem gelang es dem Organisator Othmar Keiser eine Crew zu finden, die das Abenteuer wagte. Er selbst, René Fasan und Armand Omlin (RC Cham) waren bereit für die ganze Strecke. Barbara Bezeg und Anna Baumeler, sowie Ruth Berchtold und Thomas Vonesch, teilten sich jeweils einen Rollsitz für den Hin- bzw. Rückweg.
Hinweg: Sonnenuntergang und Mondaufgang
Bei schönstem Herbstwetter ging es um ca. 17:30 Uhr beim See-Club Luzern los. Wir durften den Tourendoppelvierer „Wernli“ ausleihen. Ein tolles Boot. Zuerst führte die Strecke durch das Luzerner Seebecken zum Meggenhorn. Es begegneten uns viele Segel- und Motorboote, ein Dampfschiff und der Bürgenstock Express. Auf dem Weg zur „Oberen und Unteren Nas“ sahen die Rudernden bald einen wunderschönen Sonnenuntergang, der nur noch die Silhouette des Pilatus übrig liess. Die Positionslampen an Bug und Heck wurden nun eingeschaltet. Bei gutem Wasser ging es nach Gersau, Treib, vorbei am Schillerstein und weiter in Richtung Flüelen. Zwischendurch folgten Positionswechsel vom Steuern zum Rudern, mit akrobatischen Balanceübungen. Als auf der anderen Seeseite Sisikon auftauchte, ging der leuchtende Mond auf und schickte seinen Lichtstrahl durch das Riemenstaldner Tal über den See. Was für eine Stimmung! Zuletzt galt es noch die richtige Einfahrt zum Bootssteg des Ruderclub Flüelen zu finden, wo wir um ca. 21:30 Uhr landeten. Dank Auto-Shuttle von Regine Gieseke wartete die neue Crew schon. Genauso wie die ersehnte Pause. Am gemütlichen runden Tisch im Clubraum des Ruderclub Flüelen wurden erste Erlebnisse ausgetauscht, Kraft getankt und die Körperbatterien geladen. Besonders beliebt war der leckere Schoggi-Kuchen. Gebacken von Othmars Tochter, mitgebracht von seinem Sohn.
Rückweg: Mondlicht und Fallwinde
Kurz nach 22 Uhr waren wir wieder startbereit für den Rückweg. Das Wasser war perfekt. Der Vollmond leuchtete uns, fast wie eine Sonne. Die Landschaft und Berge, vom Mondlicht angestrahlt, waren sanft beleuchtet und klar erkennbar. Über uns ein prachtvoller Sternenhimmel, unzählige Sternbilder und an allen Ufern glanzvolle Lichter. Jede beleuchtete Strasse, auch an Orten hoch über dem See, war eine Girlande aus Leuchtpunkten. Bis zum Schillerstein fiel es uns leicht diese magische Stimmung zu geniessen. Während wir auf dem Urnersee vom berüchtigten Föhn oder anderen Winden verschont blieben, erwarteten uns ab Treib stärkere und schwächere Fallwinde, welche das Wasser sehr rau und wellig machten. Dem Ufer von Gersau entlang ging die Fahrt weiter von der oberen zur unteren Nas. Sie brachte uns quer über den See und in den Schutz des Bürgenstockmassivs. Hier war das Rudern wieder ruhiger. Jetzt galt es noch den Trichter zu überqueren. Weil der Wind recht stark war und Wellen mit kleinen Schaumkronen bildete, steuerten wir schnell das Ufer bei St. Niklausen an. Jetzt war es nicht mehr weit. Noch um die Ecke beim Tribschenhorn, zwischen den Bojen beim Segelboothafen durchfinden. Dann unter dem Kantisteg zwischen der Ufschötti und der Kanti Alpenquai durchgleiten: Da war das Ziel, der Bootssteg des See-Club Luzern. Es war kurz vor 3 Uhr in der Früh. Wir waren glücklich, wenn auch müde. Besonders die drei tapferen Eidgenossen, welche die ganze Strecke von 68 km ruderten. Nun galt es noch das Boot und alles Material fachmännisch zu versorgen. Das ging routiniert, mit Schlafwandlerischer Sicherheit. Bald machten wir uns auf die Heimfahrt, per Auto.
Mit eigener Kraft
Die Seestrecke Flüelen-Luzern, wofür die Nauenleute des 15. Jahrhunderts neun Stunden brauchten, ruderten wir in der Hälfte der Zeit. Auch ohne Dampf und Maschine, nur mit eigener Kraft. Was einst jedoch Alltag und harte Notwendigkeit war, wurde für uns zum bewussten Erlebnis. Wir spürten eindrücklich, was es bedeutet, diesen See aus eigener Kraft zu bezwingen. Zwar mit Blasen an den Händen, aber mit viel Respekt vor jenen, die diese Strecke einst Tag für Tag bewältigten. Ein unvergessliches - ja ultimatives - Rudererlebnis auf dem Vierwaldstättersee.









