Paris, 3. August 2024: Oliver Zeidler rauscht zu Olympischem Gold in den Männer Single Skulls. Mit zwei Bootslängen Vorsprung. Es ist die Krönung einer aussergewöhnlichen Sportlerlaufbahn. Zehn Jahre vorher noch Deutscher Meister über 100 m Freistil, fünf Jahre vor Paris erstmals Weltmeister im Skiff. Ein Sportlerleben vom Beckenrand in den Bug.

Paris im August 2024. Zwei Bootslängen Vorsprung zum Olympia-Gold.
Von: Stefan Schulz.
In Nachbarschaft des SCZ, im Zuger Hafenrestaurant, parliert Oliver beim privaten Espresso nun über den Weg als Sportler und sein Leben in der Schweiz. Warum der Switch aus dem Wasser auf das Wasser? „Ich war zwar Deutscher Meister, hatte die Olympiaquali aber knapp verpasst. Vielleicht hätte es später gereicht, aber wohl nicht zum Titel, und ich wollte nicht mitschwimmen, sondern gewinnen.“ Sein Kraftpaket‑Körper sei weniger für stromlinienförmiges Dahingleiten durch Wasser gebaut. „Also habe ich 2016 einfach mal Rudern ausprobiert, als Hobby. Ich hatte das Glück, dass mein Vater mich gut heranführte, mir die richtige Technik beibrachte und ich so rasch Trainingserfolge erzielte.“ Rudern lag ihm im Blut: Der Grossvater holte 1972 in München Olympia-Gold, sein Vater Heino war WM-Vierter. Der Sohn wollte die Familienchronik um ein paar Kapitel erweitern.
Rudern – mehr Leidenschaft als Glamour
Finanziell ist der Rudersport nicht so lukrativ. Die staatliche Sporthilfe deckt gerade die Miete. Sponsoren? Eher Mangelware. Selbst der WM‑Titel 2019 änderte daran zunächst wenig. Rudern sei einfach wenig präsent und medial nicht so gut gemanaged wie andere Sportarten. Das gelte sogar für Weltmeisterschaften, wie etwa letzten September in Shanghai. Einmal alle vier Jahre fiebere die breite Öffentlichkeit bei Olympia mit den Athleten. Die Jahre dazwischen bedeuteten in aller Regel harte Arbeit im medialen Schatten – und in der Kälte. Der australische Nationalkader habe ihn bei minus 10 Grad trainieren sehen und flugs angeboten, er solle im europäischen Winter doch mit ihnen Down Under ins Stemmbrett treten. Doch Oliver Zeidler zog es stattdessen in die Schweiz, um in Luzern mit seiner Partnerin Sofia – selbst Ruderin im Schweizer Kader – zusammen zu leben und zu rudern. Luzern statt Sydney. Rotseefeeling statt Ozeanblick.
Ein beruflicher und sportlicher Balanceakt
Finanziellen und ideelen Rückhalt erhielt Oliver von seinem Arbeitgeber Deloitte – ein seltener Glücksfall: Die Unternehmensberatung schätzte neben seinen beruflichen auch die sportlichen Leistungen und räumte neben der Arbeit Raum ein, ein ständiger Balanceakt für den zertifizierten Steuerberater. Erst durch das Olympiagold kamen für den deutschen Sportler des Jahres internationale Top‑Sponsoren hinzu. Und die Termine: Medien, Firmenveranstaltungen, Empfänge. „Da bist du erstmal mehr unterwegs als dein eigenes Boot.“
Ausruhen? Vielleicht irgendwann. Das gilt für Oliver Zeidler sowohl sportlich als auch akademisch.
Parallel zur WM-Vorbereitung absolvierte er 2025 einen Master of Business Administration (MBA) mit Auszeichnung. Oxford und Cambridge hatten ihm hierfür einen Platz in ihren reputierten Colleges angeboten – ein probater Weg, um die besten Ruderer der Welt für das altehrwürdige Boat Race auf der Themse ins eigene Boot zu lotsen. Aber Oliver wollte seine akademischen Erfolg nicht auf seine Rudermeriten gründen: „Ich wollte nicht als ‘der Ruderer’ genommen werden.“ Seine Wahl fiel auf das renommierte IMD in Lausanne – ein intensives Jahr. Vielleicht hat dieser Balanceakt zwischen sportlichem und akademischem Anspruch die 0,42 Sekunden gekostet, die er hinter dem WM-Titelträger Stefanos Douskos einfuhr. „Hat sich dennoch gelohnt“, sagt er – und man glaubt es ihm sofort.
Neuer Abschnitt, neue Heimat
Im Frühjahr 2026 ziehen Oliver und Sofia nach Sarnen, nahe ans nationale Leistungszentrum und Herz des Schweizer Rudersports. „In der Schweiz ist es für mich etwas entspannter. In München werde ich seit dem Olympiasieg auf jeder S-Bahn-Fahrt fünfmal um Selfies gebeten. Hier passiert das eher nicht.“
Die Reise geht weiter – über den Rotsee nach Los Angeles
2028 will Oliver wieder angreifen. Der Weg nach Los Angeles führt über Luzern, wo auf dem Rotsee im August 2027 die WM ausgetragen wird – und damit die Olympia‑Qualifikation. Ein weiterer Höhepunkt in einer vielfältigen Sportlerkarriere. Ob der dann 32‑Jährige wohl wieder mit zwei Bootslängen Vorsprung durchs Ziel schiesst? Wir werden gespannt zuschauen.

Zuger See im Januar 2026. Wer Oliver Zeidler erlebt, spürt ruhige, unverkrampfte Entschlossenheit. Eine Ambition, die nicht schreit, sondern zieht. Wie ein sauberer, kraftvoller Schlag.









